Interdisziplinäre Forschung im 19. Jahrhundert

Heinrich Barth betrieb Afrikaforschung aus der Sicht eines Universalgelehrten und verfolgte einen auch aus heutiger Sicht "modernen" interdisziplinären Ansatz. Seine Erkenntnisse gewann er dabei im besten Sinne der Feldforschung auf seinen Afrikareisen. Er stellte sich auf die Seite der Afrikaner, aber nicht im Sinne einer alles erduldenden Toleranz. Vielmehr mischte er sich überall dort ein, wo Menschen gegeneinander gewalttätig wurden. Seine Leistungen in Geographie, Ethnologie, Archäologie, afrikanische Geschichte, Linguistik und Religionswissenschaften sind Ausdruck einer faszinierenden Persönlichkeit und wirken bis in die heutige Zeit hinein.

Haus in Timbuktu
Blick über Timbuktu vom Dach des Hauses, das Heinrich Barth bewohnte.

Timbuktu

Heinrich Barth lebte ein halbes Jahr in Timbuktu und in der näheren Umgebung der Stadt. In dieser Zeit sammelte er Informationen über Leben, Sitten, Geschichte und Sprache der Tuareg. Dabei stand er unter dem persönlichen Schutz des Scheikh al-Baqqai, mit dem ihn bald eine tiefe Freundschaft verband. Der Muslim schätzte das Gespräch mit dem Christen und erlaubte Barth Einsicht in wertvolle Handschriften, vor allem Chroniken, welche die Geschichte des Sudan enthielten und Barth in seiner Überzeugung bestärkten, dass Afrika kein geschichtsloser Kontinent ist. Al-Baqqai stellte Barth auch das Haus zur Verfügung, das heute als Gedenkstätte des großen Afrikareisenden dient.

"[Timbuktu war] der berühmte Sitz mohammedanischer Gelehrsamkeit, der Mittelpunkt religiösen Lebens; keine Stadt des Reichs besaß so stattliche Moscheen, keine überhaupt so schöne und massive Gebäude. [...] Wie groß aber der Einfluß war, den Timbuktu als Sitz der Intelligenz beanspruchte, geht schon daraus hervor, daß der tumbo-koy oder Statthalter, wie es scheint, stets ein ´Faki´, d.h. ein gelehrter Mann, sein mußte." (Barth 1860, II:281)

Afrika und die Afrikaner

Heinrich Barth war bereit, andere Kulturen und Lebensweisen anzuerkennen, wenngleich er zuweilen aus seiner europäischen Sicht Verbesserungsvorschläge machte. Er war kein teilnahmsloser Beobachter, sondern empörte sich über die Grausamkeit, mit der Menschen gegen andere vorgingen, etwa bei Sklavenjagden. Vor allem aber betrachtete er den europäischen Einfluss in Afrika mit größter Skepsis und träumte sogar davon, an der Spitze eines panafrikanischen Heeres gegen die europäischen Kolonialmächte mitzureiten. Kein anderer Afrikaforscher jener Zeit hat sich derartig radikal auf die Seite der Afrikaner gestellt wie Heinrich Barth. Im Laufe seiner fünfjährigen Afrikareise gewann er viele Freunde, ohne deren ideelle und materielle Hilfe seine Unternehmung nicht möglich gewesen wäre, und auch von heutigen afrikanischen Wissenschaftlern werden Barth und seine Leistungen sehr geschätzt.

"Wer unter Völkerschaften des verschiedensten Charakters und der verschiedensten Glaubensformen gelebt hat und bei allen in ihrer Weise treffliche Menschen gefunden hat, der wird sich vor der Einseitigekeit der Anschauung menschlicher Lebensverhältnisse bewahren." (Barth 1859)

Geographie

Heinrich Barths Reise fand in einer Zeit statt, in der sich die europäische Geographie mit der Suche nach den Nilquellen, der Frage nach der Existenz einer afrikanischen Seenplatte und schneebedeckter Berge unter dem Äquator beschäftigte. Barths Interesse galt jedoch mehr der Frage, wie eine Landschaft ihre Einwohner und deren Lebensweise prägt, eine Thema mit dem sich heute die kulturökologische Forschung befasst. Barth beschäftigte sich mit Geomorphologie, Klimakunde und Hydrogeographie, mit Siedlungs-, Wirtschafts- und Verkehrsgeographie. Viele der von ihm bereisten Gebiete waren der damaligen europäischen Wissenschaft unbekannt, und erst mit Hilfe seiner detaillierten Kartenskizzen und Wegbeschreibungen konnten große weiße Gebiete der Petermann´schen Afrikakarten mit Landschaftsdaten gefüllt werden. Barths Verdienst ist die wissenschaftliche Erforschung von Teilen der heutigen Republik Niger, Nigerias, des südlichen Tschad und Nordkameruns.

"Der Leser wird, auch ohne daß ich es hier ausspreche, bald meine Art der Anschauung wahrnehmen. Es ist der historische Zusammenhang des Menschen mit der reichen Gliederung Erdoberfläche." (Barth 1857, I: XVII)

Ethnologie

Dorf I´sse
Das Dorf I´sse.

Heinrich Barths großes Reisewerk liefert mit seinen detaillierten Beschreibungen eine Fülle an ethnographischem Material zu Nord- und Westafrika. Barth interessierte sich für Siedlungsmuster, für den Einfluss und die Bedeutung politischer Ämter, für Handels- und Wirtschaftsstrukturen, für Handwerk und Kleidung, für Nahrung und Medizin und für die Geschichte der von ihm bereisten Gebiete. Seine genauen Skizzen überliefern uns ein zuverlässiges Bild der materiellen Kultur Nord- und Westafrikas Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit Hilfe arabischer Quellen und mündlicher Überlieferungen stellte er Genealogien afrikanischer Herrscherhäuser auf. Im Gegensatz zu den phantasievollen Erzählungen der meisten Afrikareisenden seiner Zeit leitete Barth mit seiner nüchternen und quellenkritischen Arbeit eine neue Epoche ethnographischer Berichterstattung ein.

"Was ist belehrender für die Jugend als die Erd- und Völkerkunde in allen ihren belebenden und beseligenden Charakterzügen? Für mich selbst in der Tat ist diese Wissenschaft der Inbegriff, das einigende Band aller übrigen Disziplinen, und gerade wie die verschiedenen Zweige der Wissenschaft sich ihrer im Leben haftenden Wurzeln immer mehr bewußt werden, muß diese Wissenschaft stets größere Bedeutung gewinnen." (Barth 1865)

Archäologie

Heinrich Barth, der sich auf seinen Reisen im Mittelmeerraum intensiv mit archäologischen Themen befasste, interessierte sich auch in der Sahara für frühzeitliche Zeugnisse, die er aus seiner Kenntnis der klassischen Antike zu interpretieren versuchte. Dies gilt besonders für die Deutung der Felsbilder, die er 1850 in der nördlichen Sahara beschrieb und kopierte. Als einer der ersten Autoren attestierte er in einer Zeit, in der die Erforschung der Ur- und Frühgeschichte noch in ihren Anfängen war, den Felsbildern ein hohes Alter und deutete sie als Geschichtsquelle und Zeugnis für die frühzeitlichen Lebensformen der Saharabewohner. Auch sah er in den Felsgravierungen bereits einen Beleg für den starken Klimawandel des saharischen Raums in den letzten Jahrtausenden.

"Kaum hatten wir hier unsere Zelte aufgeschlagen, als wir fanden, dass das Thal einige bemerkenswerte Skulpturen [Gravierungen] enthielt, welche unserer besonderen Aufmerksamkeit werth waren." (Barth 1857, I:210)

Afrikanische Geschichte

Einzug in Timbuktu
Heinrich Barths Einzug in Timbuktu.

Nach eigener Aussage war Barth vor allem an der Geschichte Afrikas interessiert. Auf diesem Gebiet leistete er Pionierarbeit. Entgegen der gängigen Lehre seiner Zeit erkannte Barth, dass Afrika nicht geschichtslos war und dass die Erforschung der Weltgeschichte nicht ohne die der afrikanischen Geschichte betrieben werden konnte. Er untersuchte die Vergangenheit des Kontinents mit Hilfe unterschiedlichster Methoden – von der vergleichenden Sprachwissenschaft über das Studium arabischer Manuskripte und mündlicher Überlieferung bis hin zur Interpretation von Felsbildern. Sein revolutionärer merhodischer Ansatz machte Barth zu einem der bedeutendsten Historiker des 19. Jahrhunderts, brachte ihn aber zugleich in  Konflikt zu vielen seiner europäischen Kollegen. Die heutige Wissenschaft arbeitet auf dem Gebiet der afrikanischen Geschichte mit den gleichen Methoden, häufig ohne sich ihres großen Vorgängers bewusst zu sein.

"Denn auch die Völkerbewegungen Central-Afrika´s haben ihre Geschichte, und nur indem sie in das Gesammtgebilde der Geschicht der Menschheit eintreten, kann das letztere sich dem Abschluss nähern." (Barth 1857, II:82)

Sprachwissenschaften

Durch sein Studium der Sprachwissenschaft war Heinrich Barth vertraut mit den Methoden der historischen Sprachforschung. Er übertrug diese auf die afrikanischen Sprachen, die er während seiner Reise aufgenommen hatte. Barth sprach neben Englisch, Französisch und Arabisch mehrere Dialekte der Tuareg-Sprache, Kanuri, die Staatssprache des Bornu-Reiches, Haussa, die wichtigste Verkehrssprache Westafrikas, und er beherrschte Songhai und Fulani, die Sprache der Fulbe. Ferner sammelte er umfangreiche Vokabularien zu neun westafrikanischen Sprachen, mit deren Hilfe er Sprachverwandtschaften feststellte und historische Verbindungen zwischen einzelnen Völkern aufzeigte. Diese wissenschaftlichen Methoden waren für die Mitte des 19. Jahrhunderts revolutionär, so dass Barth zu Recht als der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Sprachforschung in Afrika gilt.

"Jeder der fremde Länder besucht hat, weiß, wie unendlich leichter man sich da deren Sprache aneignet, als im langweiligen Studium ohne Anhalt daheim." (Barth 1862)

Islam

Heinrich Barth hegte für seine Zeit ungewöhnliche Sympathie für den Islam, den er als eine der großen Weltreligionen erkannte. Schon als Gymnasiast lernte er Arabisch, und die erste Reise nach Beendigung seines Studiums führte ihn in den islamischen Mittelmeerraum. Durch Afrika reiste Barth unter dem Pseudonym Abd al-Karim (Diener des Allerhöchsten). Er sammelte Informationen über die Geschichte des afrikanischen Islam, der weite Gebiete des Sahel entscheidend geprägt hatte. Vor allem suchte Barth dort das Gespräch mit islamischen Gelehrten, und er hat einige Charakterbilder hinterlassen, die zu den ergreifendsten Schilderungen europäischer Reisender über außereuropäische Kulturen gehören. Mit dem bedeutendensten Korangelehrten Scheikh al-Baqqai in Timbuktu verband ihn eine intelektuelle Freundschaft. Als einziger Afrikareisender lehnte Heinrich Barth in einer Zeit des fanatischen Anti-Islamismus in Europa die Missionstätigkeit der christlichen Kirchen ab.

"Ich wies ferner darauf hin, wie wir bei dem Glauben an einen und denselben Gott trotz der Verschiedenheit unserer Propheten und einiger geringer Abweichungen in unseren Sitten denselben religiösen Grundsätzen folgten, so daß wir einander näher ständen, als er [Auab] glaube, und wohl gute Freunde sein könnten." (Barth 1860, II:307)

(Quelle: Heinrich-Barth-Institut (Hrsg.): Zehn Seiten eines Afrikaforschers. Köln, 2000. Text: Dr. Clara Himmelheber, Afrika-Kustodin am Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln.
Die Texte stammen von 10 Informationstafeln, die mit Hilfe des Auswärtigen Amtes für das Heinrich-Barth-Haus in Timbuktu erstellt wurden.)

Felsbild von Giraffen.
Giraffen: Felsmalerei im Akakus-Gebirge, Libyen, 2002.
Das Alter der Malereien und Gravuren wird auf 6000 bis 8000 Jahre geschätzt. Sie dokumentieren klimatische Bedingungen, welche in der heutigen Sahara eine savannenartige Vegetation zuließen.
Felsbild eines Rindes.
Rind: Felsmalerei im Akakus-Gebirge, Libyen, 2002.
Das Alter der Malereien und Gravuren wird auf 6000 bis 8000 Jahre geschätzt. Sie dokumentieren klimatische Bedingungen, welche in der heutigen Sahara eine savannenartige Vegetation zuließen.
Felsbild zweier Tänzer.
Tänzer: Felsmalerei im Akakus-Gebirge, Libyen, 2002.
Das Alter der Malereien und Gravuren wird auf 6000 bis 8000 Jahre geschätzt. Sie dokumentieren klimatische Bedingungen, welche in der heutigen Sahara eine savannenartige Vegetation zuließen.
Felsbild einer Jagdszene.
Jagdszene: Felsmalerei im Akakus-Gebirge, Libyen, 2002.
Das Alter der Malereien und Gravuren wird auf 6000 bis 8000 Jahre geschätzt. Sie dokumentieren klimatische Bedingungen, welche in der heutigen Sahara eine savannenartige Vegetation zuließen.
Felsbild einer Menschengruppe.
Menschengruppe: Felsmalerei im Akakus-Gebirge, Libyen, 2002.
Das Alter der Malereien und Gravuren wird auf 6000 bis 8000 Jahre geschätzt. Sie dokumentieren klimatische Bedingungen, welche in der heutigen Sahara eine savannenartige Vegetation zuließen.
Felsgravur eines Rindes.
Rinderdarstellung: Felsgravur im Wadi Mathendous, Libyen, 2002. Das für seine Felskunst bekannte Wadi Mathendous wurde auch von Heinrich Barth auf seiner "Großen Reise" nach Bornu und Timbuktu besucht.
Felsbild einer Giraffe mit ihrem Kalb.
Giraffe mit ihrem Kalb: Felsmalerei im Akakus-Gebirge, Libyen, 2002.
Das Alter der Malereien und Gravuren wird auf 6000 bis 8000 Jahre geschätzt. Sie dokumentieren klimatische Bedingungen, welche in der heutigen Sahara eine savannenartige Vegetation zuließen.

Fotos: Jürgen Schmidt